SchreibmotorikGRUNDLAGEN – 5. Ausgangsschriften und Handschrift

Ausgangsschriften und Handschrift

Die Entwicklung einer flüssigen, lesbaren und effizienten Handschrift gehört zu den unumstrittenen Fernzielen des Schreibunterrichts. Allerdings sind die Wege umstritten, wie diese Ziele erreicht werden sollen, wie auch die erstaunliche Vielfalt der Regelungen zur Ausgangsschrift in den einzelnen Bundesländern zeigt. Darüber hinaus wird über Bedeutung einer normierten Ausgangsschrift für der Entwicklung einer flüssigen Schreibschrift vermehrt diskutiert. Mit dem Begriff “Ausgangsschrift” wird ja gerade betont, dass es sich nur um eine mehr oder weniger brauchbare Grundlage zur Entwicklung einer individuellen Handschrift handelt.

Alle gängigen Schreiblerngänge stellen ein Zielalphabet in den Mittelpunkt des Schreiben Lernens. Das dahinter stehende Lernmodell geht davon aus, dass durch oftmaliges und präzises Wiederholen der Buchstabenformen sich die zugehörigen Bewegungsmuster ausprägen, verfeinern und schließlich als automatisierte Bewegungsprogramme im Gehirn gespeichert werden.

Dabei wird jedoch übersehen, dass für das Nachzeichnen und das schnelle Schreiben völlig verschiedene motorische Steuerungsprozesse nötig sind. Vergleicht man die Ausgangsschrift mit der individuellen Handschrift von Kinder, aber auch mit der Handschrift von routinierten Schreibern, dann fallen die eklatanten Unterschiede vor allem in den formalen Aspekten sofort auf.

In der linken Abbildung finden sich die individuellen Handschriften von SchülerInnen im Alter von 14 Jahren.

Es finden sich deutliche Unterschiede im Ausformungsgrad der Buchstaben (Großbuchstaben werden als Druckbuchstaben geschrieben), in der Vereinheitlichung der Drehrichtung beim Schreiben („n“ wird als „u“ geschrieben), Vereinfachung bestimmter Buchstaben solange die Lesbarkeit erhalten bleibt („h“ wird zu „l“), Weglassen ganzer Buchstaben am Ende von Wörtern.

Unterschiede gibt es auch in dem oftmaligen Absetzen des Stifts nach 2-3 Buchstaben, in dem systematischen Anbinden bei bewegungstechnisch günstigen Buchstabengruppen („el“, „ch“) und dem systematischen Auseinanderschreiben bei ungünstigen Buchstabengruppen („nd“, „ig“), in verschiedenen Größenverhältnissen und verschiedener Neigung der Schrift.

Während die Ausgangsschriften völlig von den präzisen Buchstabenformen dominiert werden, scheint die routinierte Schreibschrift von Erwachsenen fast gänzlich von Effizienzkriterien bestimmt: Erlaubt sind offenbar fast alle Modifikationen, die die Effizienz des Schreibens erhöhen, solange die Schrift lesbar bleibt.

Genau die formalen Aspekte aber, auf die in der Schule am meisten Wert gelegt wird, finden sich überraschender Weise kaum noch in der Schrift von erwachsenen routinierten Schreibern. Diese teilweise drastischen Modifikationen werden nicht gelehrt, und widersprechen oftmals sogar direkt den Anweisungen des Schreibunterrichts. Bei der Entwicklung einer individuellen Schreibschrift muss sich am Ende aber die Schriftform den Gesetzen der Schreibmotorik unterordnen. Die naheliegende Frage ist dann natürlich, warum eine solche nicht flüssig schreibbare Ausgangsschrift überhaupt gelehrt wird.

Schlussfolgerungen

Es bestehen gravierende Unterschiede zwischen den Vorgaben der Ausgangsschriften und der dann gelernten individuellen Handschrift. Die Ausgangsschrift stellt zunächst ja nur eine exakte und formorientierte Modellvorgabe dar. Wie aber aus dem Kopieren der Ausgangsschrift eine bewegungsgünstige Schreibschrift entwickelt werden soll, und ob dieser Übergang überhaupt problemlos möglich ist, wird von den gängigen Schreiblehrgängen nicht schlüssig beantwortet und bleibt in der Praxis weitgehend den Schülern selber überlassen. Bei der resultierenden individuellen Schrift hat lediglich eine ungenügende Lesbarkeit pädagogische Konsequenzen.

Die Probleme beim Übergang einer stark formbetonten Ausgangsschrift zu einer geschriebenen Schreibschrift, beispielsweise durch den Einsatz von Schreiblineaturen oder durch die Vorgabe alle Buchstaben miteinander zu verbinden, wurden bisher kaum systematisch untersucht. Neue Ansätze zur Entwicklung von Schreiblehrgängen auf Basis der bekannten wissenschaflichen Forschungsergebnisse sind dringed erforderlich.

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