SchreibPROBLEME – 6. Schreibtraining bei Kindern

Schreibtraining bei Kindern

Voraussetzung für ein effektives Schreibtraining ist es mittels einer gezielten Leistungserfassung festzustellen, an welcher Stelle des Schreiblernprozesses und in welcher Phase des motorischen Lernens ein Kind aktuell steht. Nur so können vorhandene Leistungen und Fertigkeiten genutzt, motorische Fehlstrategien (siehe Schreibprobleme) abgebaut und individuelle Ziele erstellt werden.

Neben der Leistungserfassung mit einem computerunterstützten Programm, sollten u.a. Körper-, Sitz- und Stifthaltung, die visuelle (z.B. räumliche Anordnungen) und senso-motorische Wahrnehmung (z.B. Wahrnehmung sensorischer Reize; Feinmotorik) beurteilt werden (siehe z.B. auch Kompetenzspinne bei Kindern von 4-7Jahren).

Sprache und Kognition spielen ebenfalls eine wichtige Rolle beim Schreibenlernen und Schreiben und sollten ggf. abgeklärt werden.

Unabhängig vom Alter des Kindes sollte im Fokus eines Schreibtrainings immer das Erlernen von flüssigen (Schreib-) Bewegungen stehen, mit dem Ziel das Schreiben zu automatisieren.

Bei der bei Schreibstörungen häufig verordneten „traditionellen“ Ergotherapie, stehen oft übungsorientierte Ansätze, wie z.B. dem wiederholten Kopieren und Nachspuren korrekter Buchstabenformen. Jedoch zeigt sich, dass Übungen die einen ständigen Abgleich von visuellem Feedback und Bewegungsausführung sowie die räumliche Zielgenauigkeit von Bewegung fordern, sogar eher zu einer Verschlechterung des Schriftbildes führen (Marquardt 2011).

Im freien Kontext zeigt es bei dem gleichen Schüler, dass die Bewegung nicht klar ist. Achterschleifen und Überkreuzbewegungen sind für viele Kinder erstmal schwierig zu lernen.

Auch die Untersuchung der Feinmotorik sollte gezielt erfolgen. Kinder zeigen oft keine Probleme in allgemein feinmotorischen Aufgaben (z.B. Münzen aufsammeln, Perlen auffädeln, kneten etc.), welche häufig in der Ergotherapie trainiert werden, um die Schreibmotorik zu verbessern. Was aber oft eher fehlt, ist der Transfer der feinmotorischen Kompetenzen in filigrane rhythmische Bewegungen von Finger und Hand direkt in der Schreibbewegung.

Grundsätzlich sollten Kinder bei einem Schreibtraining Freude an Bewegung erfahren und sich stets ausprobieren können – denn Schreibenlernen ist Bewegungslernen.

Neben dem Lernen durch kreatives Ausprobieren zeigen Ergebnisse der Motorikforschung, dass es weitere Übungsbedingungen gibt, welche das Lernen fördern und die unbedingt in Praxis des Schreibtrainings integriert werden sollten. WEITERLESEN (Prinzipien motorischen Lernens (link))

Prinzipien motorischen Lernens und Beispiel des Praxistransfers im Schreibtraining

Übungsreihenfolge – randomisiertes anstelle eines geblockten Trainings

Während bei einem geblockten Training erst alle Durchgänge einer Aufgabe durchgeführt werden, bevor zur nächsten Aufgabe übergegangen wird, wechseln beim randomisierten Training die Aufgaben mit jedem Durchgang. Unterschiedlichen Ausführungsvarianten werden erforscht und Bewegungen werden ausprobiert, um zu einem individuellen Lösungsansatz zu gelangen. Fehler sind dabei immer erlaubt!

Praxisbeispiel Druckstärke:

Um die Druckstärke beim Schreiben zu reduzieren, sollen unterschiedlich große Flächen mit verschieden Druckstärken schraffiert werden. Hierzu werden unterschiedlichste Materialien und Übungsvariationen angeboten: z.B. Variation in der Größe der Bewegungsamplitude, Variation zwischen Bewegungsausführungen (z.B. Schraffierung durch Bewegung der Finger oder Bewegung des Handgelenks); Variation in den Materialien (unterschiedliche Stifte: vom Buntstift bis hin zur Kreide; Schraffierung auf der Tafel, auf unterschiedlich großen Blättern, Zeitungen etc.).

Instruktionen und Rückmeldungen – externer Fokus anstelle eines internen Fokus

Instruktionen und Rückmelden zur einer Bewegungsausführung sollten die Aufmerksamkeit auf den Effekt einer Bewegung richten (externer Fokus) und weniger auf die eigene Körperbewegung (interner Fokus). Rückmeldungen sollten reduziert und nicht bei und nach jeder Bewegungsausführungen gegeben werden. Kindern sollte die Zeit gegeben sich selbst über eine Bewegung Gedanken zu machen und diese auch subjektiv zu bewerten.

Die Vorgabe von mentalen Bildern, oder Musik kann zusätzlich die Ausführung von Bewegungen verbessern.

Praxisbeispiel Bewegung des Schreibarmes in Schreibrichtung (Armtransport):

Um die Bewegung des Armes beim Schreiben zu verbessern, werden zwei Punkte in einem gewissen Abstand aufgeklebt, oder aufgemalt. Das Kind soll zügig beide Punkte verbinden. Die Instruktion ist dabei: „Verbinde beide Punkte zügig miteinander“ (externer Fokus). Ungünstig ist dahingehend: „Bewege deinen Unterarm und deine Hand von links nach rechts“.

Als mentales Bild könnte helfen: „stelle dir vor, dass du ein paar Fussel/Brösel von Tisch wegfegst“; oder „die Bewegung ist leicht wie eine Feder“.

Fragen, wie „was hast du gespürt, oder war dir die Bewegung angenehm?“ initiieren Kinder, sich selbst über die Bewegung Gedanken zu machen und sie ggf. auch selbst zu korrigieren.

Selbstkontrolliertes Lernen

Selbstkontrolliertes Üben wirkt sich positiver auf das Lernen motorischer Fertigkeiten aus, als die fremdbestimmte Vorgabe des Therapeuten.

Praxisbeispiel:

Welchen Stift möchtest du gerne nehmen? Möchtest du heute gerne mit Übungen an der Tafel, oder am Tisch anfangen?

Eine Auswahl an unterschiedlichsten Stiften und Materialien ist wichtig.

Beobachtungslernen

Die Kombination von praktischem Üben und Beobachten führt zu besseren Lernergebnissen als ein rein praktisches Üben. Kinder können hier auch vom Beobachten anderer Kinder profitieren. Das Fertigkeitsniveau des „Modells“ scheint unerheblich für die Wirksamkeit zu sein.

Praxisbeispiel:

Der Therapeut macht die Übungen praktisch mit; zwischen Übungseinheiten werden bestimmte Bewegungen nochmals vom Therapeuten praktisch gezeigt; Schreibsequenzen werden mit Video aufgenommen und zusammen mit dem Kind angeschaut; Übungsgruppen mit zwei bis drei Kindern werden angeboten.

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