Schreibstörungen

Neurologisch bedingte Schreibstörungen

Wenn das Schreiben Probleme macht…

Die Beeinträchtigung der Hand stellt ein häufig auftretendes Symptom im Krankheitsverlauf vieler neurologischer Erkrankungen (z.B. bei M. Parkinson, Zustand nach Schlaganfall oder Hirnverletzungen, Symptomatik bei Dystonien, wie z.B. bei Dystonie wir dem Schreibkrampf  oder dem Musikerkrampf) dar.

Veränderungen der Handschrift bei neurologischen Erkrankungen können sich durch verschiedene veränderte Parameter (z.B. Reduktion der Schriftgröße, Dauer der Schreibzeit und Schreibgeschwindigkeit und -beschleunigung, veränderter Schreibdruck und Automatisierungsgrad) abbilden.

Weitere Einflussfaktoren auf schreibmotorische Leistungen sind gerade bei neurologischen Erkrankungen das Alter, sekundäre motorische Anforderungen parallel zum Schreiben (dual-task Aufgaben) und allgemein verminderte feinmotorische Leistungen (Renzi 2018).

Gerade bei neurologisch bedingten Schreibstörungen ist es eine zentrale Aufgabe in der Diagnostik herauszufinden, welche Aspekte der Schreibstörungen z.B. auf primärmotorischen Störungen beruhen und welche Störungen Folgen von z.B. Anpassungs- und Kompensationsprozessen sind.

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn ein Schreibproblem vorliegt?

Liegt ein Schreibproblem vor, ist eine ausführliche Diagnostik die Voraussetzung für die Planung eines speziellen Trainings. Grundlage hierfür ist ein evaluiertes und sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis erfolgreich eingesetztes Konzept nach Prof. Mai und Kollegen, welches sich im Wesentlichen aus drei Teilen zusammensetzt. Es umfasst

  • eine ausführliche Diagnostik
  • ein motorisches Trainingsprogramm und Beratung unter Supervision eines spezialisierten Therapeuten
  • den Transfer der gelernten Übungen auf alltägliche, individuelle Situationen

Für wen ist das Konzept geeignet?

Das Konzept kann sowohl von Patienten mit erworbenen Hirnschädigungen (z.B. nach Schlaganfall), als auch bei Patienten mit anderen neurologischen Erkrankungen (z.B. M. Parkinson, Dystonien) und bei allgemein motorischen Schreibstörungen eingesetzt werden.

Was beinhaltet die Diagnostik?

Die Diagnostik beinhaltet ein Anamnesegespräch, eine klinische Untersuchung mit Schreibtests und eine Kurzanalyse.

Vorgespräch: In einem eingehenden Anamnesegespräch wird auf die vorhandene Problematik (z.B. wie lange existiert das Problem; wie sieht die Störung genau aus; gibt es Nebendiagnosen oder Vorerkrankungen z.B. im Wirbelsäulenbereich) eingegangen und eine Selbsteinschätzung der Beeinträchtigung abgefragt. Diese werden in einem Zielerfassungsbogen (COPM) abgefragt.

Klinische Untersuchung und Schreibtests: Körper-, Schreib- und Stifthaltung werden mit kurzen Videos erfasst; Schreibbewegungen werden mit einem graphischen Tablett und einer speziell entwickelten Software CSWin (Marquardt) aufgezeichnet und verschiedenste Parameter (z.B. Schreibflüssigkeit, Druck auf die Unterlage, Frequenz) werden analysiert.

Kurzanalyse: Bei der anschließenden Kurzanalyse werden zusammen mit dem Patienten erhaltene Funktionen sowie eventuelle Defizite besprochen und Therapieziele erfasst.

Wie sieht das Training aus?

Basis ist das Konzept von Prof. Mai und Kollegen. Zudem werden Kognitiv-therapeutischen Übungen nach Perfetti und ein adaptierter Zielerfassungsbogen (COPM) eingesetzt.

Alle Trainingseinheiten finden unter Supervision eines spezialisierten Therapeuten statt. Dadurch soll die Möglichkeit eingeschränkt werden, dass sich weitere falsche Muster oder Bewegungen etablieren können. Außerdem soll der Patient mit der Zeit erlernen, wie sich eine korrekte Bewegung anfühlt und sie abgerufen werden kann. Konkrete Inhalte des Trainings sind z.B.

  • Festlegen der individuellen Schreibziele
  • Nutzen und Aufbau vorhandener Leistungen
  • Abbau von erlernten Fehlstrategien (z.B. zu starkes Kontrollieren)
  • Einüben von adäquaten motorischen Strategien
  • Achten auf Schreibökonomie durch alternative Stifthaltung oder ergonomisch sinnvollere Schrift
  • Erstellen eines individuellen Heimprogramms

Fortschritte sind meist nach vier bis fünf Einheiten zu erkennen, dann erfolgt der Transfer auf Alltagssituationen. Relevante Übungen werden in Übungsblättern erfasst und mit persönlichen Kommentaren des Patienten versehen. Bei Bedarf werden Videos mit korrekt ausgeführten Übungen erstellt, die als Erinnerung genutzt werden können. Mittelpunkt sind allerdings alltagsrelevante Situationen, bei denen die Patienten auch tatsächlich Schreiben müssen (z.B. Einkaufszettel, Notizzettel etc.).

 

Wie häufig sollte ein Training durchgeführt werden?

Aufgrund unserer Erfahrungen und gestützt auf die Erkenntnisse aus unterschiedlichen Studie bieten wir zwei unterschiedliche Zeitmodelle an:

  • Trainingseinheiten im wöchentlichen Abstand
  • nach Absprache eine Intensivtherapie über ein bis zwei Wochen (vor allem für Patienten aus weiter entfernten Orten)

Die Therapieeinheit ist auf die Dauer von einer bis anderthalb Stunden angesetzt. Längere oder mehrmalige Sitzungen pro Tag haben sich als kontraproduktiv erwiesen.

Es ist eine gesamte Behandlungsdauer von ca. 10 – 15 Einheiten angedacht. Da die Probleme aber sehr individuell sind, ist der Bedarf der Behandlungsdauer sehr unterschiedlich. Es hat sich bewährt, anfangs eher in kurzen Zeitintervallen zu arbeiten und  später die Abstände auszudehnen und zu beobachten, wie sich die Strategien in den Alltag transferieren lassen oder wo es noch der Unterstützung bedarf.

Um die Trainingserfolge auch langfristig zu sichern, können nach längeren Trainingspausen Refresher-Stunden absolviert werden.

 

Wie sind die Erfolgsaussichten?

 

In mehreren Studien konnte belegt werden, dass die Patienten nach einem absolvierten Schreibtraining ihr Schreibverhalten verbessern konnten. Nicht immer kann aber eine vollständige Heilung erreicht werden.

In regelmäßigen Abständen können Refresher-Trainings durchgeführt werden, damit wieder auftretende Fehler rechtzeitig erkannt und aufgelöst werden können.

Bis der Übertrag der Trainingsinhalte in die Alltagssituation gelingt, dauert es seine Zeit (ca. fünf bis zehn Einheiten). Durch die Verwendung eines auf die Störung angepassten Fragebogens bzgl. Der Ziele (Einschätzen von Alltagsschreibsituationen nach Wichtigkeit, Durchführung und Zufriedenheit), werden Erfolge messbar dargestellt und als solche wahrgenommen.

Was kann ich üben? Was sollte ich vermeiden?

Während des Trainings werden so genannte „Referenzbewegungen“ geübt. Das sind Bewegungen, die nach mehrmaliger Supervision durch einen erfahrenen Therapeuten korrekt gelingen (der Patient hat ein „Gefühl“ erworben, wie sich die korrekte Bewegung anfühlt und kann sie sehr schnell und ohne Nachdenken ausführen). Diese Bewegungen werden dann strategisch zur Lockerung und zu einer Unterbrechung des Musters genutzt und sind als Übungen sinnvoll.

Häufig sind in der Therapie und in der Eigenübung hinderliche Faktoren zu erkennen, wie z.B.

  • eine hohe Anzahl an Wiederholungen. Diese haben oft keinen Einfluss auf ein verbessertes Schriftbild
  • das Einübung einer formalen Schulschrift
  • das Schreiben z.B. mit Schmerzen, ausgelöst z.B. durch erhöhte Kraft auf den Stift und die Auflagefläche

Diese Faktoren sollten beim Üben vermieden werden. Für eine erfolgreiche Therapie ist aber immer eine entsprechende Diagnostik  und ein individueller Trainingsplan Voraussetzung.

Kann ich auch ohne eine Diagnostik zuhause selbständig Übungen machen?

 

Das Schreiben ist eine automatisierte Bewegung. D.h. sie läuft ganz unbewusst ab, ohne dass wir genau wissen, wie sie gemacht wird. Es braucht also einen spezialisierten Therapeuten, der die falschen Bewegungen aufdeckt und mit geeigneten Strategien und Bewegungen korrigiert.

Die Gefahr bei Eigenübungen ohne Diagnostik ist, dass oft falsche Bewegungen eingeübt werden.