SchreibmotorikPRAXIS – SchreibLernKonzept BACKUP

Ein neues Schreiblernkonzept

Die Frage nach dem WARUM für schreibmotorisch ausgerichtete Weichenstellungen

Die Methodik des Schreibenlernens ist in eine Schieflage geraten. Soll eine Handschrift noch gelehrt werden? Ist Schreiben in der zunehmenden Digitalisierung noch zeitgemäß? Wäre Tippen auf einer Tastatur nicht der bessere Weg? Oder sind die Kinder motorisch ungeschickter geworden? Nur die administrativen Vorgaben in den Lehrplänen der Bundesländer sind sich in drei Punkten einig:

1. Erstschrift sind die Druckbuchstaben der Gemischtantiqua, die auch in den Leselernwerken verwendet wird.
2. Eine verbundene Ausgangsschrift erfolgt zeitversetzt im Verlauf des ersten oder des zweiten Schuljahres.
3. Eine flüssig geschriebene Handschrift kann nur mit einer verbundenen Ausgangsschrift erreicht werden.

Wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der schreibmotorischen Forschung und evidenzbasierte Daten belegen anderes. Das Schreibenlernen ist das Stiefkind bei einer methodisch-didaktischen Neuausrichtung im Schrift-Spracherwerb. Es ist und bleibt das Anhängsel diverser Fibellehrgänge und fern von allen wissenschaftlichen Erkenntnisse mit einer Ausnahme – das Konzept der sogen. „Grundschrift“.

Warum also ein motorisch gestütztes SchreibLernKonzept (für die Phasen des Schreiberwerbs, des Schreibfortschritts und des förderorientierten Schreibens)?

1. Das SchreibLernKonzept verdichtet die Erkenntnisse aus der Bewegungswissenschaft, der schreibmotorischen Forschung, der erfolgreichen Umsetzung an außerschulischen Lernorten in Praxis und Therapie (LRS-Landshut), sowie der erprobten motorisch-kinematischen  Schreibansätze in Unterrichts- und Fördereinheiten in der Lehrerbildung.   

2. Das SchreibLernKonzept geht vom Können der Schüler aus, nimmt die unterschiedlichen motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Beginn an auf und begreift diese als LernChance in einem differenziellen Lernansatz. Selbstständiges und individuelles Lernen sind Markenzeichen für dieses Trainingskonzept. Es gilt, die entwicklungsbedingten Voraussetzungen zum Schreibenlernen frühzeitig zu erfassen und begleitend zu fördern.

3. Von Beginn an werden kinematische- und schreibmotorische Prozesse in variativen Trainingsformaten angeregt. Alle Spur- und Schreibbewegungen erfolgen ausgerichtet auf automatisierte Bewegungsabläufe. Die Buchstaben werden bewegungseffizient entwickelt und ebenso mit bewegungsgünstigen Teilverbindungen im Wort geschrieben. Verbundene Ausgangsschriften sind mit zunehmender Schreibgeschwindigkeit störanfällig und wenig leserlich. Für Kinder mit schreibmotorischen Problemen sind sie ein Irrweg.

4. Evidenzbasierte und förderdiagnosische Daten aus therapeutischen und außerschulischen Einrichtungen zeigen, dass sich mit einem individuell-begleiteten, motorisch ausgerichteten SchreibLernKonzept Kinder wieder für das Schreiben gewinnen und und auch begeistern lassen. Die SchreibLernwege öffnen sich und bleiben keine Sackgassen. Häufig zeigen sich auch andere Symptomatiken, wie erhöhte Unkonzentriertheit, hyperaktives Verhalten oder Lese- und Rechtschreibschwächen.

Das SchreibLernKonzept nach Marquardt/Söhl 2022

Die Handlungsfelder des SchreibLernKonzepts

Die farblich gefächerten Lernfelder des SchriftSprachErwerbs beginnen zentral mit den VORERFAHRUNGEN der Kinder zum Kontakt mit Schrift in Elternhaus, Kindergarten und Vorschule. (vgl. Erfahrungen mit Schrift). Erste Spurbewegungen in Kritzelbriefen, Zeichnungen, der eigene Name, Buchstaben aus dem Umfeld und vielfältige Erfahrungen mit Schreibgeräten, von Stift-, und Sitzhaltungen sind wichtige Ereignisse auf dem Weg ins Schreiben hinein.
Mit dem Schuleintritt lernen die Kinder eine normierte DRUCKSCHRIFT, aber keine kursiven Buchstaben. (vgl. Von Anfang an richtig – SchreibKompetenzen fördern) Zahlreiche Bewegungswiederholungen – u.a. mit Übungen, die das automatisierte Schreibenlernen erschweren, für Kinder mit Schreibschwierigkeiten sogar verhindern -, kennzeichnen diese traditionellen Lernansätze. (vgl. Schreibbewegungen – besser automatisiert als kontrolliert).
Je nach Bundesland und Vorgaben der Lehrpläne unterschiedlich erfolgt dann das VERBUNDENE SCHREIBEN mit einer der drei Schulausgangsschriften (Lateinische A., Vereinfachte A., Schulausgangsschrift.) oder aber von Beginn an mit dem Konzept der „Grundschrift” und ohne Umweg (vgl. Verbundene Schreibschriften hemmen das Schreibenlernen). In dieser weiterführenden Phase konsolidiert und individualisiert sich die Schrift und automatisieren sich die schreibmotorischen Prozesse.
Aber auch SCHREIBPROBLEME nehmen nicht zuletzt aufgrund der formdominierten Lernmethoden zu, ein Neustart des Schreibens ist oftmals unumgänglich.

Für jede automatisierte Spurbewegung mit dem Stift ist das motorisch-effiziente Zusammenspiel der kinematischen Parameter verantwortlich. Das SchreibLernen erfolgt verankert in motorisch ausgerichteten Trainingskonzepten mit gezielter Förderung und dem Transfer auf gelingende Schreibprozesse – auch bei Kindern mit Schreibproblemen.

Wie Teilaspekte der Kinematik trainiert werden, zeigen wir in einem Trainingskonzept mit zwei Modulen: 1. Vorbereitung für das SchreibenLernen in der Vorschule und  2. Praxisbuch für die 1./2. Jgst., wissenschaftlich erprobt durch die Universität des Saarlandes.

Die Leitlinien unserers SchreibLernKonzepts stehen für alle Trainingsformate und schreibmotorischen LernKonzepte.

Variation der Bewegungsausführung
vielfältige Bewegungserlebnisse von Spurbewegungen mit der Hand in individuellen Trainingsformaten; mit schreibaktiven Lernumgebungen das Bewegungsspektrum erweitern; rhythmisierte Bewegungsabläufe anregen, Proportionen von Formen und Buchstaben skalieren;

Viefältige Bewegungserfahrungen
mit individuellen Lösungsansätzen, damit selbstorganisiertes motorisches Lernen und inneres Feedback möglich werden; Transfer auf die Entwicklung der Schreibkompetenz;

Der Fehler als Lernchance
als Ausgangspunkt für die schreibmotorische Entwicklung; förderdiagnostische Beobachtungen; schreiboptimierte Bewegungsabläufe beachten; Toleranzbereiche bei Startpunkten von Buchstaben und Teilverbindungen;

Die Kinematik der Spurbewegungen
Bewegungsverläufe vorausplanen/antizipieren; Skalierungsveränderungen von Größe, Form und Druck; Variation der kinematischen Bewegungsparameter Beschleunigung, Tempo und Rhythmus; automatisieren von Bewegungsabläufen;

Schreibeffizienz
Buchstaben und sinnvolle Teilverbindungen schnell und leserlich spuren; die eigene Schreibkompetenz reflektieren; automatisiertes Schreiben fördern, behindernde Schreibhürden erkennen;

Stiftführung, Sitz- und Körperhaltung
als grundlegende Ausgangsparameter; Basismotorik und Grundbewegungen aus Handgelenk, Finger und deren Koordination; Blattlage für Links- und Rechtshänder; Ergonomie des Schreibens und der Schreibgeräte;

Neuausrichtung des SchreibenLernens

Die Konzeption des SchreibenLernens muss sich neu ausrichten. Nicht die korrekte Ausführungsform, sondern „Fehler“ aktivieren das Bewegungslernen, und der Spaß garantiert Motivation und den Erfolg.

Für diesen Lernansatz braucht es handelnde Lehrpersonen, die um das WARUM eines motorisch ausgerichteten SchreibenLernens wissen wollen und andere im Tun inspieren.

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