Schreibkrampf

Der Schreibkrampf

Was ist ein Schreibkrampf?
Der Schreibkrampf ist eine neurologische Erkrankung und gehört zur Gruppe der fokalen Dystonien. Eine weitere bekannte Form der fokalen Dystonie ist der Musikerkrampf, oder der Golferkrampf.
Dystonien werden durch die Ausführung einer willkürlichen Bewegung (wie dem Schreiben) initiiert und sind durch anhaltende oder intermittierende Muskelkontraktionen gekennzeichnet, wodurch unnatürliche und repetitive Bewegungen, Haltungen oder beides verursacht werden können. Die dystonen Bewegungen unterliegen meist einem Muster. Sie führen zu z.T. schmerzhaften Verkrampfungen und Fehlhaltungen und sind oft durch ein Zittern begleitet (Albanese et al. 2013).

Einfacher und dystoner (komplexer) Schreibkrampf
Beim Schreibkrampf wird zwischen einem einfachen und einem dystonen (komplexen) Schreibkrampf unterscheiden. Beim einfachen Schreibkrampf ist nur die spezifische Bewegung des Schreibens gestört, beim dystonen Schreibkrampf treten die Bewegungsstörungen auch bei anderen Tätigkeiten auf (Albanese et al. 2013; Altenmüller 2011).

Gibt es ein Erklärungsmodell für die Entstehung eines Schreibkrampfes?
Die Ursache für die Entstehung eines Schreibkrampfes ist immer noch nicht ganz geklärt. Genetische Veranlagung, tätigkeitsspezifische Triggerfaktoren (z.B. Überbelastung, Stress), Störungen der Bewegungssteuerung im zentralen Nervensystem sowie Dysfunktionen im motorischen und somatosensorischen Kortex werden aktuell als Ursache diskutiert (Furuya und Hanakawa 2016; Hallett 2006).
Unsere Arbeitsgruppe geht davon aus, dass zumindest ein Teil des Schreibkrampfs erlernt ist: Viele Menschen benützen oft schon seit ihrer Kindheit ungünstige Techniken und Haltungen beim Schreiben, ohne tatsächliche Schreibprobleme zu entwickeln. Kommt zu diesen Faktoren allerdings eine Phase großer und länger andauernder Überlastung (physisch und/oder psychisch), kann das dazu führen, dass sich – zum Beispiel durch Schonhaltungen aufgrund von Schmerzen – der längst automatisierte Schreibvorgang plötzlich verändert und manche Bewegungen nicht mehr so richtig „funktionieren“. Lenkt der Schreiber dann auch noch Aufmerksamkeit auf diese Situation, verändert sich sein Verhalten und er „erwartet“ nun bereits, dass eine bestimmte Bewegung nicht mehr so gut geht. Erfüllt sich seine Erwartung, dann wirkt das wie ein negatives feedback und verstärkt das Verhalten weiter. Dabei werden dann auch Strategien eingesetzt, die zusätzlich negativ wirken: Die Bewegungen werden verlangsamt, die Anstrengung (Druck auf die Unterlage, Griffkraft auf den Stift) wird z. T. massiv erhöht und Gelenke werden stabilisiert, um den Vorgang besser kontrollieren zu können. Alle diese Strategien sind uns bestens bekannt – wir verwenden sie, um z.B. eine neue Fertigkeit zu erlernen. Da der Schreibprozess beim Erwachsenen aber längst automatisiert ist, stören diese Verhaltensweisen den Ablauf und verhindern den Abruf der vorhandenen motorischen Leistungen.
Dazu kommt dann das Gefühl, beim Schreiben beobachtet und beurteilt zu werden, was zusätzlich psychischen Stress verursacht. Die Folge davon sind häufig Vermeidungs- und Vertuschungsstrategien und ein Gefühl der Angst oder der Wut auf die Situation.
Ziel ist es, die beschriebenen Fehlstrategien während der Diagnostik zu entdecken und in der Therapie durch adäquatere Strategien zu ersetzen.

Wie wirkt sich Stress auf einen Schreibkrampf aus?
Stress wirkt sich meist verstärkend auf die Schreibprobleme aus. Dabei ist hauptsächlich der Stress gemeint, der sich auf die Schreibsituation bezieht – z.B. bei Studenten, die sich durch ihre Verlangsamung oder unleserliche Schrift in Klausuren gegenüber den Kommilitonen benachteiligt fühlen; in der Arbeit, wenn befürchtet wird, dass Zuschauer (Vorgesetzte, Kollegen; Kunden) negative Rückschlüsse über die beruflichen Fähigkeiten ziehen; in öffentlichen Situationen z.B. an der Kasse oder an der Hotel-Rezeption, in denen man Angst hat, bloßgestellt zu werden.
Manchmal ist es hilfreich, zusätzlich an einer Verhaltenstherapie oder Psychotherapie teilzunehmen – besonders wenn sich das Problem der Stressbewältigung generell durch den Alltag zieht.

Gibt es neben den typischen Symptomen des Schreibkrampfes weitere Symptome?
Am häufigsten berichten Klienten von muskulären Verspannungen, insbesondere im Bereich der Halswirbelsäule/Nacken. Ebenfalls werden häufig Schulterprobleme, frühere Frakturen (z.B. im Handgelenk), hohe Anspannungen im Bereich des Kiefergelenks (z.B. Zähneknirschen in der Nacht), verschiedene Operationen (z.B. Karpaltunnel) und auch vorübergehende psychische Probleme (burnout) genannt.

Diagnostik und Therapie
Die Diagnostik und Therapie des Schreibkrampfes sollte von spezialisierten Neurologen und Therapeuten vorgenommen werden.
Ähnlich wie bei der Diagnostik schreibmotorischer Störungen im Kindesalter, können mithilfe eines graphischen Tabletts wichtige Parameter, wie Schreibdruck, Schreibfrequenz etc. (siehe…) aufgenommen und das Schreibverhalten (z.B. Stifthaltung) beobachtet und analysiert werden.
Folgende Aspekte lassen sich in der Diagnostik oft erkennen:
– erhöhte Griffkräfte (auf den Stift, oder auf das Papier)
– erhöhter Druck auf die Unterlage/Papier über den Unterarm
– vermehrte Kontrolle/Aufmerksamkeit auf den Schreibprozess, Verlangsamung
– Defizite im Bereich der visuomotorischen Kontrolle
– Erwarten und Bestätigen von Fehlern

Welche Behandlungsoptionen gibt es?
Neben der symptomatische Behandlung mittels lokaler Injektion von Botulinumtoxin der betroffenen Muskelgruppen, hat der Stellenwert der physio- und ergotherapeutischer Maßnahmen in der Behandlung von Dystonien deutlich zugenommen.
Neben dem motorischen Training nach Prof. Mai und Kollegen wird u.a. auch an der Uniklinik in Kiel an aufgabenspezifischen Dystonien geforscht und verschiedene Interventionen untersucht (z.B. Prof. Dr. Kisten Zeuner „Arbeiten mit Therapieknete“, „Training mit Fingerschienen“ oder das „Sensibilitätstraining nach Zeuner“). Außerdem gibt es einen Ansatz, der mit gezielter Verlangsamung (slow down exercises nach Sakai) arbeitet oder teilspezifische Ansätze wie die Verwendung von TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation) zur Lockerung der Muskulatur sowie die Immobilisierung von Unterarm und Hand mit einem anschließenden Aufbautraining der dystonen Extremität.

Gibt es Einrichtungen in der Nähe, die mir weiterhelfen können?
In vielen großen neurologischen Kliniken gibt es mittlerweile Dystoniesprechstunden. Die Deutsche Dystonie Gesellschaft (DDG) kann ebenso weiterhelfen.

Wo kann ich Kontakte zu anderen Betroffenen herstellen?
Sehr viele Informationen erhalten Sie über die Deutsche Dystoniegesellschaft (DDG). Regional sind mittlerweile viele Selbsthilfegruppen entstanden, denen Sie sich anschließen können oder über die Sie Kontakt herstellen können. Die DDG arbeitet auch intensiv an der Aufklärungsarbeit und Information über das Krankheitsbild Dystonie. Dort finden Sie auch Hinweise zu aktuellen Forschungsarbeiten, zu Veranstaltungen oder sozialmedizinische Aspekten (z.B. Einstufung Grad der Behinderung etc.).

Nach oben