SchreibmotorikCHECK – Schreibspuren im Blick

Schreibspuren im Blick

Von Anfang an ...

Wenn Kinder in die Schule kommen, bringt jedes seine eigenen Erfahrungen mit Schrift und schreiben mit und nutzt die Schriftsprache gemäß seinem Entwicklungsprozess. Die meisten schreiben ihren Namen und kennen Buchstaben, die für sie Bedeutung haben. Andere schreiben schon Wörter teilweise oder vollständig lautgetreu. Diese Startphase erfordert insbesondere den förder-diagnostischen Blick darauf, wie Buchstaben geschrieben oder Zeichnungen gestaltet werden. Die Bewegungsausführung erfolgt in erster Linie formorientiert, im Vergleich mit Vorlagen oder Vormachen durch Erwachsene und oft diametral zu einer effizienten Schreibbewegung.

Das leere Blatt

Das „leere Blatt“ (SchreibmotorikMonitoring) ist eine effektive Methode, die Könnensleistungen einer Klasse zum Schulbeginn vergleichend zu erfassen. Die nachstehenden Beispiele mit vergrößerten, gedrehten und markierten Bildausschnitten sind eine ausgewählte, exemplarische Analyse.

Der Zeitpunkt dafür ist wichtig. Noch kein „Lehrgang“ hat seine methodischen Spuren hinterlassen. Immer vier Kinder, jeweils zwei gegenüber, sitzen an den zusammengeklebten DIN A-3 Blättern und bringen alles zu Papier, was sie bislang über Schrift erfahren haben. 

Selina (heller Kreis) ist Urheberin der „KWATSCHTOMATE“ und hat „Lea“ (gelber Kreis), die lange den anderen zugeschaut hat, zu der Kopie in Zeichnung und Wort angeregt.
„Agi“ (grüner Kreis) hat den Kopfschmuck übernommen und schreibt, wie die meisten Kinder, in ausgewogenen Großbuchstaben, in Schreibrichtung rechts und verwendet mit einer Ausnahme („P“) die richtigen Bewegungsabläufe.

So sieht sich „Lukas“. Er ist ein geschickter Zeichner und schreibt für ihn bedeutsame Wörter. Ein exemplarischer Auszug zeigt zum Vergleich ebenfalls „P“ und „R“. Auch diese Buchstaben wurden von unten und in einem Zug gespurt. Der kurze Stopp in der Bewegung nach dem R-Bogen führt zur perfekten Spitze.

Dies ist nicht selbstverständlich. „Leon“ (blaue Schreibvorlage) schreibt z.B. das „S“ einmal gespiegelt. Agi spurt sein „P“ von unten in einem Zug. Auf falsche Bewegungsabläufe wie „P“ in „Papa“ wird nicht geachtet und „Agi“ schreibt sich im wiederholten Tun den Buchstaben zunehmend routiniert ein.

„Nikolaus“ schreibt seine gleichmäßigen, 2,5cm hohen Buchstaben wie auf einer mit Lineal gezogenen imaginären Linie. Mit vergleichendem Blick auf „P“ und „R“ zeigt sich bei ihm der richtige Bewegungsverlauf im Abstrich von oben nach unten, dann Luftsprung zum rechtsläufigen Bogen mit selbstgewählten Abstrichpunkt.

„Georg“ ist das letzte Beispiel aus dem „leeren Blatt“. Der Fokus liegt jetzt auf drei anderen Nahtstellen, die den Schreibfluss im weiteren Schreiblernprozess nachhaltig hemmen können.

Rot markiert sind die Schreibaktionen, wenn Buchstaben im ersten Anlauf nicht gelingen und später nachgespurt oder formorientiert nachgestückelt werden. Grün markiert sind die eigentlich perfekt erscheinenden kreisförmigen Spurbewegungen.

Der Startpunkt und die Drehrichtung sind beim Spuren von Buchstaben entscheidend, damit effizientes Schreiben möglich wird. Das „O“ erfolgt in Rechtsbewegung mit Startpunkt unten, ebenso „g“ (roter Pfeil). Beide „d“ starten mit dem Abstrich und dann einem schwungvollen Oval nach links. Hier wird die Formorientierung deutlich. Schreibmotorisch verläuft der Schwung aber am besten aus dem Linksoval nach oben und mit Deckstrich nach unten. In „SCOut“ ist das „u“ gelb unterlegt und zeigt den bewegungstechnisch gelungenen Ablauf mit Abstrich.

“Georg” schreibt seinen Namen in Großbuchstaben, die Richtungen und Startpunkte sind markiert. Auch das„R“ belegt sein gutes motorisches Grundpotenzial, das sich insbesondere in seinen weiteren Verschriftungen in Gemischtantiqua zeigt.

Für Kinder zählt in dieser frühen Phase des Schreibens der gelingende und lesbare Buchstabe bzw. das Wort. Die Form dominiert von Beginn an. Bewegungsrichtiges Schreiben ist aber möglich, wenn von Anfang die Bewegungsabläufe beim Schreiben von Buchstaben richtig gezeigt und behutsam begleitet werden.
Hinter jedem der Beispiele in SchreibMotorikWissen steckt ein Kind mit einer Schreibbiografie, die mehr oder weniger mit einem Verlauf wie gezeigt begann, dann zum ängstlichen Beobachten des eigenen Tuns in formorientierten Schreiblehrgängen führte und bei Kinder mit schreibmotorischen Problemen sich zum Hürdenlauf entwickelte. Eine Flut von Arbeitsblättern zum exakten Schreiben führte zu schreibmalenden Ausführungen, wohlmeinend gestützt durch Lineatur bzw. farbigen Schreibräumen. Der Teufelskreis erfolglosen Schreibens in der Grundschule begann sich für diese Kinder zu schließen.
„Ins` Schreiben hinein“ – die entscheidenden Lernjahre in Kita, Kindergarten, zu Hause vor der Einschulung von Anfang richtig nutzen, systematisch fördern.

Buchstabenverläufe sind nicht beliebig

Der Bewegungsablauf von „Jakob“ (2. Jgst. der Grundschule) wirkt fahrig. Der Stift ist immer lange in der Luft und es dauert, bis der nächste Buchstabe gespurt wird. Für „Krokodil“ braucht „Jacob“ ca. 10 Sekunden, davon ist er über 6,5 Sekunden lang in der Luft. Seinen optimalen Schreibdruck von 0,70 N behält er bei, die Buchstaben „o“, in der Grundbewegung als „Kringel“ ausgeführt, erfolgen automatisiert, können also perfekt auf das Schreiben transferiert werden. Beide „K“, mit drei isolierten Strichen geschrieben, zunächst von unten, dann schräg in Schreibrichtung erfolgen allerdings mit langsamen kontrollierter Bewegung (Automationsindex NIV=5).

Diese Grafik zeigt das „K“, in der Lupe den Raum für die Anbindung der Schrägstriche und die gepunkteten Luftbewegungen des Stifts. „Jacob“ braucht für das „K“ 1,32 Sekunden, 746 ms lang ist der Stift in der Luft, 574 ms braucht er für die drei Strichbewegungen auf dem Papier. Die Schreibtechnik versagt.

Diese Grafik zeigt die markierten Spurbewegungen in der Reihenfolge. Die Abläufe sind vollkommen unökonomisch und führen insgesamt zu keiner geläufigen Druckschrift. Interessant auch, dass der geringe Schreibdruck die Spur kurz unterbricht (grüner Punkt) und gleich wieder aufnimmt.

„Jakob“ schreibt einmal gelernte Fehlschreibung auch in anderen Wörtern gleich, z.B. „d“. Das „a“ beginnt er mit Aufstrich und setzt dann das Linksoval an; ein Problem der Reihenfolge ähnlich „d“. Dieses beginnt er aber oben und setzt das Linksoval unten an. Konsequent spurt er eigentliche Abstrich- als Aufstrichbewegung, Ausnahme der „I-Strich“.

Eine Analyse seiner Schriftkennwerte gibt weitere Aufschlüsse.
Jakob braucht für „Limonade“ knapp 10 Sekunden; ca. 4s für die Schreibspur (91,3 mm) und ca 6s lang bewegt sich der Stift in der Luft (130,3 mm). Die Geschwindigkeit für beide Bewegungsarten erfolgt in etwa gleich schnell (22,3 mm/s 22,0 mm/s), insgesamt 2,46 Hz. Die isolierten Daten für „a“ zeigen automatisierte Werte (2,48 Hz bei 1,00 NIV und 0,5 N Druckstärke). Insgesamt sind das für einen Zweitklässer schon recht gute kinematische Werte, mit einem Mittelwert von 53,8 % erfolgen die Bewegungen auch automatisiert.

 Bewusst schneller
(>> SchreibMotorik/PRAXIS)

Nach oben