Grundlagen

Grundlagen Schreibmotorik

Kinematische Schreibanalyse

Für einen außen stehenden Beobachter ist es nur schwer verständlich, warum Analysen der Schreibbewegungen und die umfangreiche Forschung zum motorischen Lernen bisher bei der Diskussion des Schreibunterrichts kaum berücksichtigt worden sind. Seit Einführung der grafischen Schreibtabletts stellt die Registrierung einer Schreibbewegung kein großes technisches Problem mehr dar. Das Schreiben auf einem graphischen Tablett unterscheidet sich kaum von den gewohnten Schreibbedingungen. Geschrieben wird mit einem speziellen kugelschreiberähnlichen und kabellosen Stift auf einem Blatt Papier, das auf dem Tablett aufliegt. Die Position der Schreibspitze auf und über der Schreibfläche wird dabei mit einer Genauigkeit von 0.2 mm und mit 200 Datenpunkten pro Sekunde registriert, an einen PC übermittelt und dort abgespeichert. Zusätzlich wird der Schreibdruck durch einen im Stift befindlichen Druckaufnehmer gemessen. Aus den gespeicherten Positionsdaten werden zu einem späteren Zeitpunkt dann die genauen Bewegungsaspekte wie Geschwindigkeit und Beschleunigung berechnet (Programm “CSWin – Computerunterstützte Analyse von Schreibbewegungen“, www.medicalcomputing.de).

WACOM Graphiktablett zur Schriftregistrierung

 

Charakteristik routinierter Handschrift

Mit Hilfe der registrierten Daten kann man alle Details der Bewegungsausführung beim Schreiben betrachten. Trotz einer erheblichen Vielfalt individueller Handschriften finden sich bei routinierten Schreibern überraschende Gleichförmigkeiten in der Bewegungsausführung: Die Schreibbewegungen werden immer schnell, flüssig und scheinbar mühelos ausgeführt. Flüssiges Schreiben kann vereinfacht als eine rasche Abfolge von Auf- und Abstrichen (mit dem Handgelenk) bei gleichzeitigem Vor- und Zurückbewegen des Stifts (mit den Fingern) charakterisiert werden. Hinzu kommen noch das Auf- und Absetzen des Stifts und der notwendige Handtransport um längere Schriftspuren zu erzeugen.

Betrachtet man nun als kleinste Analyseeinheit der Schreibbewegungen einen einzelnen Auf- oder Abstrich, so hat die zugehörige Geschwindigkeitskurve bei routinierten Schreibern immer eine bestimmte Charakteristik. Das Schreiben gleicht mit seinen regelmäßigen und rhythmischen Bewegungen dem gleichmäßigen Schwingen eines Pendels. In der nebenstehenden Abbildung wird die Schreibbewegung eines routinierten Schreibers am Beispiel der geschriebenen Buchstaben “ll” dargestellt. Durch zwei Markierungen ist ein Aufstrich in y-Richtung (nach oben) gekennzeichnet (A). Das zu diesem Aufstrich zugehörige Geschwindigkeitsprofil (B) zeigt einen regelmäßigen und symmetrischen Verlauf. Die Geschwindigkeit ist maximal genau in der Mitte der Bewegung. Im Beschleunigungsprofil ist eine ebenfalls gleichmäßige Beschleunigungs- und Bremsphase zu erkennen (C). Die Muskulatur wird somit pro Bewegungsabschnitt nur einmal beschleunigt und dann wieder abgebremst. Für ein „l“ werden hier nur 200 ms benötigt, es würden also pro Sekunde fünf „l“ geschrieben werden.

Charakteristik automatisierter Schreibbewegungen

Beim mehrmaligen automatisierten Schreiben der gleichen Buchstaben fällt die erstaunlich hohe Wiederholgenauigkeit in allen Details der Bewegungsausführung auf. Diese Gleichförmigkeit der Geschwindigkeits- und Beschleunigungskurven, dass dabei immer dasselbe Bewegungsprogramm ausgeführt wird.

 

Nicht automatisierte Bewegungen

Im Gegensatz zu den schnellen, und im Detail nicht mehr kontrollierbaren, schnellen Schreibbewegungen stehen langsame und genauigkeitsorientierte Zeichenbewegungen. Solche Nachführbewegungen sind durch einen ständigen visuellen Abgleich zwischen Soll- und Istwert gekennzeichnet. Im folgenden Beispiel soll ein Schreiber zunächst mit normaler Schrift die Buchstaben „a“ schreiben und dann genau nachzeichnen. Die Schriftform schaut in beiden Fällen sehr ähnlich aus. Für das automatisierte Schreiben ergeben sich die gewohnten glatten und regelmäßigen Geschwindigkeitskurven (A). Hingegen kann man beim Nachzeichnen im zugehörigen Geschwindigkeitsprofil die vielen unregelmäßigen Beschleunigungs- und Bremsvorgänge erkennen (B). Für das Nachzeichnen wird etwa sieben Mal soviel Zeit benötigt.

Unterschiedliche Bewegungen beim Schreiben und beim Nachzeichnen der gleichen Buchstaben.

Unregelmäßigkeiten und oftmaliges Bremsen und Beschleunigen sind typisch für alle nicht-automatisierten Bewegungen. Bei diesen Bewegungen wird die Muskulatur mehrmals pro Bewegungsabschnitt aktiviert. Im Vergleich zum normalen Schreiben wird beim Nachzeichnen die mehrfache Zeit benötigt. Nicht-automatisierte Bewegungen sind typisch für ungelernte Bewegungen oder für Bewegungen unter extrem hohen Genauigkeitsanforderungen. Nicht-automatisierte Bewegungen unterliegen damit völlig anderen Kontrollmechanismen wie automatisierte Bewegungen. Deshalb lernen Kinder durch das Üben von langsamen Zeichenbewegungen nicht zwangsläufig die Bewegungsdynamik von schnellem Schreiben.

 

Motorisches Lernen

Welche Mechanismen stehen nun tatsächlich hinter dem Lernen von Schreibmotorik, wenn Schreiben nicht allein durch wiederholtes Üben gelernt werden kann? Motorisches Lernen entwickelt sich immer von zunächst etwas langsameren großräumigen Bewegungen hin zu immer, präziseren, schnelleren und entsprechend weniger kontrollierbaren Bewegungen. Dabei ist das Erleben der Bewegungsdynamik aber von besonderer Bedeutung. Motorisches Lernen schließt immer individuelle Anpassungen und das Ausprobieren verschiedener Lösungswege mit ein. Man lernt beispielsweise Laufen gerade weil man oft hinfällt, und dabei die Faktoren kennen lernt, die für das Gleichgewicht wichtig sind. Genauso wie Laufen aus Bewegung entsteht, entsteht auch geschrieben Schrift aus Bewegung. Studien aus England zeigen, dass Kinder tatsächlich Probleme beim späteren Laufen haben, wenn sie in einer Laufhilfe das Laufen lernten.

Im Gegensatz zum Modell des Lernens durch wiederholtes Üben steht das so genannte „Schema“ Lernmodell, bei dem eine Bewegung als Schema betrachtet wird und das Bewegungserleben unter variablen Bedingungen im Mittelpunkt steht. In diesem Modell wird Lernen als: „wiederholte Suche nach einer Lösung für eine bestimmte Aufgabe“ definiert, und eben gerade nicht als das „Wiederholen der Lösung für eine bestimmte Aufgabe“. Ausgehend von diesem Modell müssten die Lehrer die Kinder weniger mit einer Modelllösung für die Schriftform konfrontieren, sondern den Kindern bei ihrer Suche nach einer individuellen Lösung für das Schreiben helfen. Es liegt der Schluss nahe, dass Kinder mit der Ausgangsschrift zwar die Buchstabenformen selbst kennen lernen, nicht aber die Wege wie diese Buchstaben bewegungsdynamisch geschrieben werden können. Durch die übermäßige Betonung der genauen Schriftform wird möglicherweise diese Suche sogar noch erschwert. Deshalb sollte der Schreibunterricht nicht nur die Schriftform vermitteln, sondern vor allem auch die Entwicklung von Schreibbewegungen und das Bewegungserleben fördern.

 

Schlussfolgerungen

Die neueren Methoden zur Schreibanalyse stellen eine bestechend einfache Möglichkeit dar, die Systematik von ausgeschriebener routinierter Handschrift zu analysieren und daraus die Prinzipien der Konstruktion einer verbundenen Schrift zu gewinnen. Ein solcher Ansatz verschiebt allerdings den Fokus des Schreibunterrichts: Im Mittelpunkt steht dann nicht mehr eine exakte Normschrift, sondern der individuelle Weg zum Erwerb von effizienter Schreibmotorik. Kinder sollten von Anfang an eine geeignete Schreibmotorik lernen, die im Laufe des Lernverlaufs mehr und mehr in die beabsichtigte Schriftform gebahnt wird. Darüber hinaus können auch systematisch die kritischen Einflussfaktoren auf den Schreibprozess zu identifiziert und miteinander in Beziehung gesetzt werden.

So konnte nachgewiesen werden, dass die in der Schulschrift geforderte Anbindung und die umständlichen Buchstabenformen aus motorischer Sicht ungeeignet für flüssiges Schreiben sind (Mai 1991). In anderen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass automatisiertes Schreiben durch bewusste visuelle Kontrolle der Schriftform erheblich behindert wird (Marquardt, Gentz & Mai 1996). Dies gilt auch für die im Erstschreibunterricht geforderte Beachtung von Begrenzungslinien (Mai, Marquardt & Quenzel, 1997). Eine neuere Untersuchung regt an, die bei Kindern zu Schulbeginn vorhandenen motorischen Kompetenzen direkt für den Schrifterwerb zu nutzen (Quenzel & Mai 2001). Andere Konzepte wie der kreative Schreibunterricht fordern, dass Schreiben genau an der Bruchstelle zwischen forcierter Bewegungsdynamik und dem Zerfall der Schriftform gelernt wird (Lockowandt, 1981). Dabei wird das Kind völlig im Gegensatz zum extrem verlangsamten Schönschreiben immer zu größtmöglicher Bewegungsgeschwindigkeit bei gleichzeitiger prinzipiell beachteter Schriftform angeleitet. Die im Folgenden vorgestellten Übungen versuchen diese Aspekte zur Förderung von Schreibmotorik zu berücksichtigen. Sie beabsichtigen demnach vor allem eine Förderung der Bewegungsaspekte des Schreibens.

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